Schreiben

Textproben


Glücksfall Alter

Alte sind gefährlich

 

Sie haben keine Angst mehr

 

vor der Zukunft

 

 


Der chilenische 9/11

Keine Achse des BÖSEn gab es da

und auch

keinen „Krieg gegen den Terrorismus“

 

Nur einen ermordeten Präsidenten

und Tote

ungezählt

 

Der General

ließ töten im eigenen Land

und die Großmacht sah

dass es GUT war

im Jahr 73

 

Ich denke daran

 

 


Auf dem Blechtopf

Kindheitsort des Träumens!

 

Wie er strahlt

auf dem Blechtopf

der kleine Junge

 

Legt die Wurst

in den Blechtopf

 

Kindheitsort des Träumens!

 

 


Dein Lachen

Jetzt fehlst du mir

 

Besonders dein Lachen dein ansteckendes

Das dein Gesicht ganz umbricht

Plötzlich andere Falten wirft

Und die Augen aufblitzen lässt

Hintergründig und doch offen

 

Das den Kopf elastisch nicken macht

Und die Stimme noch tiefer als sonst

Ganz kehlig und die Töne

Glucksig hervorgewölbt und unten

Die Vokale zum Gurgeln bringt

 

Das sich selbst immer neu gebiert

Und so leicht überspringt

 

Das dein schütteres Haar

Schüttelt und hineintropft

In den dunklen Bart

Durchzogen von

Silberfäden

 

Das so sicher klingt

Und zufrieden und zugewandt

 

Das naiv ist durch und durch

Ganz ohne Überheblichkeit

 

Das immer wieder aufspringt bei

Deinen Erzählungen und dich selbst

Mitreißt und dann auch mich

 

Dein Lachen

 

Jetzt fehlt es mir

In meiner Dunkelheit und

Ich sehne mich danach

 

Und warte darauf

Wenigstens ein klein bisschen

Du sein zu können

 

Dein Lachen

 

 


sommernackig

da wuschelte der Sonn

tief in mi

wärmelte so arg

ohfreuohfreu

 

und wurschtelte

mei Hos hinweg

vor Freud

und roschelte

so splittersplatternackig hoch

durchs Feld

 

 


Abwege

„Gefesselt auf der Straße. 18-Jährige soll im Landkreis entführt worden sein – Spekulationen um Selbstjustiz“. Diese rätselhafte Headline in der Zeitung hat mich elektrisiert. Entführt? Selbstjustiz? Gefesselt? Vielleicht der Racheakt eines erbosten ehemaligen Liebhabers?

 

Doch als ich den Artikel genauer lese, sieht das alles doch recht anders aus. Noch rätselhafter. Demnach handelt es sich bei der 18-Jährigen um eine schwierige junge Frau, die Autos beschädigt haben soll. Viele Autos. Und geklaut haben soll. Und sogar Brände gelegt. Insgesamt 150 Straftaten werden ihr angelastet. Also reichlich Gründe für einen Racheakt, denke ich.

 

Die junge Frau schloss bei der polizeilichen Vernehmung aber genau einen solchen Racheakt ausdrücklich aus – so steht es in dem Artikel. Es sollen 12 Strafverfahren gegen sie laufen, und in 2 Wochen soll es eine gerichtliche Hauptverhandlung geben. Ein psychologisches Gutachten über sie sei auch schon erstellt worden. Und dann gibt es anscheinend von der CDU eine Kleine Anfrage an die Landesregierung, die über die Hintergründe der Sachbeschädigungen informieren soll, weil die örtliche CDU festgestellt haben will, dass die Bürger im Ort wegen all dieser Vorgänge „am Rechtsstaat“ zu zweifeln begännen, da von den Behörden viel zu wenig gegen diese Häufung von Straftaten unternommen werde. Die Partei habe sogar eine Unterschriftensammlung gestartet wegen der beschädigten Autos und der diesbezüglichen Untätigkeit der staatlichen Stellen. Und dann stand da noch in der Zeitung, dass die Polizei keine Verbindung zwischen den Autoschäden und den Brandstiftungen erkennen könne.

 

Klingt alles wirklich mysteriös, denke ich. Was ist da los? Was ist das für ein Mädchen? Warum veranstaltet sie das alles? Amokläufe? Hilferufe? Privater Terror gegen bestimmte Personen? Oder ganz anders: Terror gegen sie? Was ist da eigentlich los in diesem Ort? Und was hat die CDU damit zu tun? Welche Rolle spielt die Polizei – und was hält die davon ab, sich gezielter in all diese Fälle einzuschalten? Hat die Frau vor Ort eine Familie, und wie verhält die sich? Und dann diese Entführung: Warum entführen? Und warum nicht eine direktere, einfachere Racheart, zum Beispiel dem Mädchen eine Tracht Prügel verpassen? Oder geht es um Liebe, um Sexualität? So viele offene Fragen.

 

Tags darauf finde ich in der Lokalzeitung einen weiteren Artikel. Diesmal nicht groß aufgemacht, sondern als Einspalter. Demnach ist alles deutlich anders als gestern gemeldet. Heute: „Betroffene hat die Tat selbst inszeniert.“ Und: Sie sei gefesselt auf die Straße gelaufen, um auf sich aufmerksam zu machen und habe davor die Nacht bei Freunden verbracht. Das soll sich wohl wie eine endgültige Klärung des Falles lesen. Jedenfalls war‘s das für die Zeitung. Weitere Meldungen erfolgten nicht. Also alles klar?

 

Ich finde: Nach dieser zweiten Zeitungsmeldung ist der Fall noch viel rätselhafter als zuvor, noch unklarer, noch spannender. Ich beschließe, selbst auf die Suche zu gehen. Der Ort in der Nähe Bremerhavens hat tatsächlich – trotz allen dörflichen Ladensterbens – noch eine kleine Bäckerei; und die hat vor dem Tresen drei Tische stehen. Als ich dort ankomme, sind die aber alle besetzt. Auch gut. Denn an dem einen sitzen drei junge Leute. Zu denen quetsche ich mich meinem Kaffee einfach dazu.

 

Sie diskutieren darüber, ob es nun mit Werder weiter bergab geht und die Bremer absteigen werden. „Also mit Nouri als Trainer wären wir garantiert abgestiegen. Der hat‘s einfach nicht mehr gepackt“, erklärt der Blonde. „Na immerhin ist ihm zu verdanken, dass wir nicht schon letzte Saison abgestiegen sind“, schalte ich mich ein. „Aber warum kam der denn dann auf den Trichter, in der Liga mit Schisshasenfußball überleben zu können? Nee nee, da ist Kohfeldt schon eine andere Hausnummer. Der hält Werder in der Liga“, kontert der Nachbar mit den langen, etwas fettigen Haaren.

 

„Seid ihr denn in letzter Zeit manchmal im Stadion gewesen? Ja? Aber sicher doch ohne Frauen“, frage ich. „Nö nö, manchmal war auch Iris dabei, aber nur, wenn sie von jemand eingeladen wurde. Sie war nämlich meistens pleite. Na und jetzt geht das natürlich gar nicht mehr“, wendet sich der Dritte an mich. „Warum das denn? Ist das die Frau, die eben einsitzt? Die von der Entführung?“ hake ich ein. „Ach Quatsch Entführung! Wer kommt denn auf so einen Unsinn? Iris hat doch selbst gesagt, dass es darum gar nicht ging. Hat sie sogar der Polizei gesagt!“

 

Volltreffer! Schon bin ich mittendrin! Ich bohre weiter: „Klaro. Das glaube ich auch nicht. Aber komisch ist das ja schon: Warum versuchen denn jetzt alle, der Iris alle Straftaten anzuhängen, die in der letzten Zeit hier angefallen sind? Versteh ich nicht. Sogar die Brandstiftungen. Da ist doch was faul!“

 

„Wahrscheinlich weil sie nur sie geschnappt haben. Klar stinkt da was! Also die Autos, die waren das Spezialgebiet von Iris. Das war ihr Ding. Aber auch da ging nicht alles auf ihre Rechnung. Auch andere hatten da Bock drauf. Spiegel abtreten oder den heiligen Lack aufkratzen. Ist doch sonnenklar: Wenn du Frust schiebst - oder wenn du merkst wie Werder dem Abstieg immer näher kommt. Nein, aber das Hobby von Iris war die teuren Schlitten, die Audis, Porsches und die SUVs. Immer die von den fetten Ortsgrößen, den Gemeinderäten, Autohändlern und so was.“

 

Solche Infos! Ich bade im Glück! „Und jetzt ist sie ganz weg? Wo sitzt sie denn ein? Und von einem Prozess gegen sie habe ich noch gar nichts gehört. Ist das alles in Bremen jetzt?“ „Sag mal, warum willst du denn das alles wissen? Bist du ein Schnüffler oder was?“ Nun bin ich offenbar zu weit gegangen und rudere eilig zurück: „Nein. Ich habe das nur so ein bisschen mitgekriegt und finde das richtig ungerecht, wie die mit Iris umspringen, wie sie sie zu einer Kriminellen gemacht haben, die den ganzen Ort terrorisiert, und dass sie angeblich endlich hinter Schloss und Riegel gehört. Das alles stinkt doch kilometerweit gegen den Wind! Und dann noch dieser CDU-Typ mit seiner Unterschriftenaktion. Echt widerlich!“ Aber es hilft nichts. Die Drei sitzen da, nicken nachdenklich mit den Köpfen und schweigen. Einen letzten Anlauf versuche ich noch: „Also auf die Dauer wird sich Werder nicht retten können. Dafür haben solche Bonzenvereine wie die Bayern einfach zu viel Kohle. Die kaufen doch die besten Bremer immer locker auf und verkaufen sie später wieder superteuer. Oder Leipzig. Rasenball! Dass ich nicht lache. Normalerweise gehört so ein Verein aus dem Verkehr gezogen!“ „Genau. Aber wir halten dagegen. Geld kann eben nicht alles. Wir steigen nicht ab. Ist das klar?“ sagt der Langhaarige fast drohend. Ich schnappe mein Tablett und verdrücke mich.

 

Das Gemeindebüro hat auf. „Wenn Sie den Bürgermeister sprechen wollen: Der hat gerade einen auswärtigen Termin. In welcher Angelegenheit darf ich Sie anmelden?“ fragt die Mitarbeiterin, superblond und sehr schick gekleidet. Neugierig fixiert sie mich mit einem Blick, der sagt: Den habe ich hier noch nie gesehen, also von hier ist der nicht; aber woher denn dann? „Ja weshalb ich hier bin“, beginne ich langsam, „Iris und ich sind früher einmal in dieselbe Klasse gegangen. Jetzt habe ich schon lange keinen Kontakt mehr. Habe sie ganz aus den Augen verloren. Aber dann las ich diesen Artikel in der Zeitung, der über ihre angebliche Entführung, wissen Sie. Da war ich ganz geschockt und nun möchte ich gerne wissen, was denn da geschehen ist und welches Schicksal Iris genommen hat. Verstehen Sie? Hat sie wirklich so schlimme Sachen angestellt?“

 

Da legt die Frau aber heftig los: „Schlimme Dinge sagen Sie? Den ganzen Ort hat sie aufgemischt! Massenhaft hat sie die Autos hier kaputtgemacht. Jede Woche kamen bei der Polizei und bei uns Anzeigen rein, manchmal sogar täglich! Und die Polizei hat nicht das Personal, um die ganzen Nächte streifenmäßig abzudecken. Ihre ehemalige Klassenkameradin hat es faustdick hinter den Ohren! Das kann ich Ihnen sagen! Schlimmer noch: Sie hat eine große Clique um sich geschart – und die Leute dort fanden das Ganze so toll, dass sie voll mit eingestiegen sind. Ich glaube, die sind ebenfalls für die Autoschäden verantwortlich, vielleicht sogar für einen Großteil davon. Denn so viele Straftaten kann eine Einzelperson gar nicht begehen. Und dann diese dauernden Klauereien: Die sind beispielsweise meinetwegen zu fünft in ein Geschäft rein, einer hat den Betreiber beschäftigt und der Rest hat sich die Taschen gefüllt. Natürlich kamen auch da die Anzeigen. Und wissen Sie was? In den ganzen Verhören hat Iris alles immer auf ihre eigene Kappe genommen. Also das muss man sagen. Schon sehr eigenartig das.“

 

Ich gebe mich geschockt: „Also das kann ich gar nicht so recht glauben! Als junges Mädchen war sie ganz anders, ehrlich. Wie das wohl soweit gekommen ist? Und dann soll sie auch noch für die ganzen Brandstiftungen verantwortlich sein.“ Die Sekretärin schweigt und seufzt, bevor sie neu ansetzt: „Es hat so oft gebrannt bei uns, wissen Sie, in den letzten Jahren. Hier im Gemeindehaus, in der Schule, sogar beim Bürgermeister persönlich, in seinem Privathaus; doch bei dem ging es ja noch recht glimpflich ab. Aber dem armen Landtagsabgeordneten brannte sein Haus komplett ab. Fürchterlich!“ „Was, dem CDU-Politiker?“ fragte ich erstaunt. „Ja, der ist ja ständig unterwegs. Oft in Hannover. Da ist so was leichter zu machen bei dem. Und es gibt keine Beweise! Selbst bei der Polizei haben sie probiert, einen Brand zu legen. Da aber ohne Erfolg.“ Ich versuche, sie zu reizen: „Aber so weit ich weiß, ist die Urheberschaft der verschiedenen Brandstiftungen recht unklar. Kann doch sein, dass da jemand ganz anderes dahinter steckt.“ Nun ist aber Schluss bei der Sekretärin. Sie schaut auf die Uhr: „Oh, schon halb Fünf! Entschuldigung – ich muss noch einiges erledigen hier. Vielleicht ist für solche Fragen wirklich der Bürgermeister der richtige Mann. Also dann bis morgen.“

 

Ich bin schon auf dem Rückweg nach Bremerhaven, da sehe ich am Ortsende, dass sich die Freiwillige Feuerwehr versammelt hat und sich offenbar auf eine Übung vorbereitet, oder zumindest einen Treff hat. Die sind doch für Brände zuständig! Ich steige aus und grüße. Die denken sicher, dass ich mitmachen oder sogar bei ihnen eintreten möchte. Sie sitzen und reden und halten gottseidank keine Übung ab. Die Freiwilligen Feuerwehren sind ja für ihre Trinkfreude bekannt, fällt mir ein. „Ich möchte einfach mal kennenlernen wie so eine Freiwillige Feuerwehr funktioniert. Ich komme aus Bremerhaven, und dort ist Berufsfeuerwehr, und das lässt sich halt nicht vergleichen.“ Da stimmen alle gern zu und malen mir die Vorzüge der Freiwilligen herrlich aus: Die Übungen, die Treffen, die Einsätze. Dazu gibt's Becks aus der Flasche. Oder auch Cola – für die Fahrer. Sie hätten gut zu tun gehabt in der letzten Zeit. Viele Brände. Da sei was los gewesen im Ort. Unnormal das. Aber auch spannend. Meist bei Häusern der örtlichen Prominenz. Geschäftsführer, Bürgermeister, und der Richter, der arbeite in Osterholz. Auch das Gemeindehaus. Eindeutig Brandstiftung. „Warum seid ihr euch da so sicher?“ frage ich. „Die Polizei sagt das. Die meisten Brände sind nach demselben Muster gelegt: Brandbeschleuniger an den entscheidenden Punkten. Gezielt ist das,“ ist die Antwort. Ich: „Und? Wer macht denn so was? Ein Einzeltäter? Eine Gruppe? Da geistert ja oft der Name einer jungen Frau herum. Ist das die richtige Spur?“ „Ach die Iris. Ist im Ort Mode geworden, der alles unterzuschieben. Alles. Iris die Oberböse. Sündenbock gesucht – Sündenbock gefunden. Besonders scharf darauf ist der Herr Abgeordnete mit seiner Unterschriftenliste. Ich nenne sowas Hexenjagd,“ redet ein Junger mit Oberlippenbärtchen auf mich ein, „also die Iris, die kenne ich gut, die hing manchmal auch bei unseren Feuerwehr-Treffs ab. Die ist nicht so. Die legt keine Brände. Klar: Die hat es faustdick hinter den Ohren. Bonzenautos sind ihr Lieblingsthema, das stimmt schon. Die hat so eine Wut auf die Honoratioren hier, das ist schon nicht mehr feierlich. Aber ich sage Ihnen: Damit ist sie nicht allein. Das macht sie nicht alles selbst. Wenn ihre Clique ordentlich einen gebechert hat, dann ist kein Auto mehr sicher. Ich meine: Kein Reichenauto. Also die Gutbetuchten haben hier echt zu leiden. Das ist nicht witzig. Und dafür ist die Iris halt ordentlich verhasst. Die wird wie eine Hexe behandelt. Alle ziehen da an einem Strang.“ „Der Richter auch?“ „Der Richter auch. Und alle, die im Ort was zu sagen haben. Und beim kommenden Prozess ist Iris sicher die arme Sau. Chancenlos.“

 

Ich wende ein: „Aber bewiesen müssen diese Straftaten doch werden bei einem Prozess!“ Der Schnauzbart lacht höhnisch: „Jaja. Ist schon gut. Und plötzlich wird bewiesen, dass Iris alle diese Häuser angezündet hat. Wie kommt denn das? Dabei weiß doch der ganze Ort, wer hier die Brände legt!“ Jetzt werde ich ganz hellhörig: „Und? Wer ist es?“ Da schaltet sich ein Älterer ein, vielleicht ist er der Chef der Truppe: „Das geht zu weit, Davie. Über Namen reden wir hier nicht. Wir sind ja nicht bei der Polizei. Da soll die sich drum kümmern. Wir sind zum Löschen da, nicht zu Festnehmen. Prost!“ Ich trinke aus und wünsche allen weiterhin viel Erfolg beim Löschen und eine ruhigere Phase als in der letzten Zeit: „Iris ist ja nun außer Gefecht“, sage ich. Doch das kommt hier gar nicht gut an. Das Gespräch ist beendet, definitiv.

 

Am nächsten Morgen fahre ich in die Kreisstadt zum Amtsgericht. Mir ist klar, dass dort nichts Vernünftiges rauszubekommen ist. Laufendes Verfahren und so weiter. Aber den Namen von Iris´ Verteidiger kann ich doch bekommen, oder? „Sie hat einen Pflichtverteidiger, seine Kanzlei ist gleich zwei Straßen weiter“, sagt die Empfangsdame. „Die Angeklagte ist ja wirklich ein armes Huhn – nicht mal für einen Wahlverteidiger langt es“, sage ich und entlocke ihr damit einen heftigen Gefühlsausbruch: „Von wegen armes Huhn – ein Biest ist das!“ Ende.

 

Der Anwalt ist schnell gefunden. Der erklärt mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit: „Zunächst hatte die Mandantin überhaupt keine Zeit für mich. Nur Gift und Galle. Erst kurz vor dem Verhandlungstermin kam sie an und erklärte, dass da so eine Art Verschwörung gegen sie liefe. Aber die Anklagen gegen sie seien fast alle frei erfunden. Sie habe nur Autolack geritzt. Und Spiegel abgetreten, und alles andere hätten, wie ich sicher wisse, eigentlich andere gemacht. Beschwor mich dann aber eindringlich, die anderen mit keinem Wort vor Gericht zu erwähnen. Die Clique müsse da völlig rausgehalten werden. Und das mit der Entführung sei ihr eigener Gag gewesen, um zu zeigen wie absurd es sei, so hasserfüllt gegen sie selbst vorzugehen. Eigentlich hätten sie in der Clique in der Nacht zuvor ausgemacht zu sagen, dass der Bürgermeister sie entführt hätte, gemeinsam mit dem Richter, damit sie es ihr im Bett richtig zeigen könnten. Doch am Morgen danach hätte sie dann wieder etwas klarer gesehen, sei nicht mehr ganz so vollgedröhnt gewesen, und da habe sie diese Bürgermeister-Geschichte nicht erwähnt. Das hätte doch nur zusätzlich eine Verleumdungsklage gegeben. Ich fragte sie dann, wie ich sie denn verteidigen solle vor Gericht. Und sie erklärte: Das mit den Autos nehme sie alles auf ihre eigene Kappe, das sitze sie eben ab. Aber das mit den Brandstiftungen sei reinste Verleumdung, mit so etwas habe sie nichts zu tun. Ob ich in dieser Angelegenheit nicht eine Klage für sie einreiche könne. Und ich sagte ihr, dass sie das mit ihrer eigenen Klage vergessen könne, solange sie keine Beweise habe. Da schrie sie wütend, ich stecke mit denen wohl unter einer Decke. Ich erklärte ihr gegenüber, das Verfahren wegen der Brandstiftungen werde wahrscheinlich sowieso abgetrennt und gesondert behandelt, wenn überhaupt. ‚Saubande‘ schrie sie und verließ sofort meine Kanzlei.“ Warum erzählt der mir so interne Dinge, frage ich mich, darf der das überhaupt? Und frage ihn: „Welchen Eindruck haben Sie von Iris als Person?“ „Unbeherrscht und unberechenbar. Drogi eben. Aber schlau. Und wenn sie in der Lage wäre, bewusster vorzugehen, könnte man mit ihr sogar einen erfolgversprechenden Gegenangriff starten. Aber so bin ich halt der blöde Pflichtverteidiger. Da ist nichts zu machen. Dabei erscheint mir das Ganze reichlich undurchsichtig und verdächtig.“ Ich denke noch: Mit so einem geschwätzigen Verteidiger ist aber auch kein Blumentopf zu gewinnen - und verabschiede mich freundlich.

 

Ich versuche, mich innerlich auf das Gespräch mit dem Bürgermeister vorzubereiten. Weil hier könnte es mit Chance sehr aufschlussreich werden. Der will natürlich erst mal wissen wer ich bin und was genau ich beabsichtige. Er bleibt die ganze Zeit misstrauisch und legt zu seiner eigenen Sicherheit erst mal besonders offensiv los: „Der ganze Ort ist in Rage, müssen Sie wissen. So geht das nicht weiter! Das konnten wir uns nicht mehr bieten lassen: Eine einzige Frau terrorisiert die ganze Gemeinde! Ja wir hätten da schon viel früher durchgreifen müssen. Das werfe ich mir selbst vor. Aber nun zählt nur noch unnachsichtige Strenge und Konsequenz. Sonst geht das Vertrauen der Bürger in unsere Gemeindeverwaltung ganz in die Brüche. Ein klares Zeichen setzen, nach innen und nach außen – das ist nun angesagt.“ „Das verstehe ich sehr gut“, schmeichle ich mich ein, „ diese Frau – oder diese Jugendliche – ist ja auch oft erwischt worden und hat schon Vieles gestanden. Aber die Brände leugnet sie. Gibt es da eine neue Beweislage?“ „Nein, ehrlich gesagt. Sie hat sich dabei wirklich nie erwischen lassen, leider. Also das wird noch dauern. Doch sie ist ja nun aus dem Verkehr gezogen, und wenn dann die Brandstiftungen aufhören, dann wird natürlich einiges klarer werden. Und Hauptsache im Ort kehrt wieder Ruhe ein. Ich hoffe ja, dass das Gericht nun klare Kante zeigt und eine saftige Haftstrafe verhängt. Und danach sieht es ja auch fast aus. Das könnte den Spuk schnell beenden.“

 

Beruhigt lehnt er sich zurück, sodass ich zur Rede kommen kann: „Und wenn dann die Brände nicht nachlassen und die Sachbeschädigungen – ist diese Frau dann nicht entlastet, im Nachhinein, sozusagen?“ „Nein, das wird nicht geschehen, dafür ist die Beweislage einfach zu erdrückend. Gut, es soll um sie herum so eine Clique geben. Die müssen wir jetzt abschrecken, dann geben die auf.“ Ich hake nach: „Und wenn ganz andere die Brände gelegt haben? Gibt es dazu Überlegungen, Ermittlungsversuche? Stichwort: Ortsinterne Machtkämpfe?“ Der Bürgermeister steht abrupt auf: „Quatsch! Dies hier ist ein ordentlicher Ort! So etwas gibt es hier nicht! Und jetzt habe ich den nächsten Termin. Sie entschuldigen mich.“ Ich lächle zufrieden. Die Wand, gegen die ich bisher gelaufen bin, fängt an sich zu bewegen!

 

Jetzt zur Polizei. Die will und kann nichts sagen. Ich bitte: „Aber bei einer Sache können Sie mir vielleicht helfen. Ich bin nämlich der Onkel von Iris und muss dringend mit der Dame reden, die Iris aufgelesen hat, als die gefesselt auf die Straße gelaufen war.“ Das gehe leider nicht, wegen Datenschutz, aber sie wohne hier im Ort. Ich versuche es mit einem Trick: „Der Nachname reicht mir völlig. Irgendwas mit B. war das doch. Ja war das nicht ‚Böse‘ oder so?“ „Nein, Briese.“ Ich bedanke mich überschwänglich und werde über's Telefonbuch sofort fündig. Gut dass sich manche Menschen noch ins Telefonbuch eintragen lassen, denke ich.

 

Frau Briese wohnt etwas außerhalb des Zentrums und ist froh, über ihre Begegnung mit Iris reden zu können: „Also ich kenne das Mädchen ja schon länger. Aber das hat mich schon geschockt: Da stand Iris mitten auf der Straße, als ich da mit dem Auto langfuhr, streckte mir ihre gefesselten Hände entgegen und rief um Hilfe. Da konnte ich gar nicht anders als anhalten. Sie erzählte mir ihre Entführungs-Story: Ein mittelalter Mann sei das, der sie entführt hätte. Sie kenne ihn nicht, er sei auch maskiert gewesen. Die ganze Nacht über habe er sie festgehalten. Mehr wolle sie darüber nicht sagen. Und als dieser Typ doch mal eingenickt sei, als es gerade anfing hell zu werden, sei sie getürmt, über einen versteckten Hinterausgang. Mir ist gleich komisch vorgekommen, dass Iris nichts über ihren Aufenthaltsort sagen konnte. Sie sagte damals, ihre Augen seien verbunden gewesen. Ich fragte sie, ob es denn ein Haus hier im Ort gewesen sei. Auch das wusste sie nicht. Der Mann habe ihr gedroht: Wehe sie nenne in dem kommenden Prozess irgendwelche Namen – vor allem Namen, die hier im Ort bekannt seien; dann werde es ihr übel ergehen. Da habe sie Bescheid gewusst, sagte Iris, mit denen allen habe er also offenbar unter einer Decke gesteckt und habe das anscheinend im Auftrag dieser Leute gemacht. Das Ganze klang für mich aber unglaubwürdig.“ „Was sich ja auch schnell herausstellte“, sage ich, „und was glauben Sie, worum es wirklich ging und geht?“ Die Frau erwiderte: „Schwierige Fragen stellen Sie. Und Sie selbst? Sind Sie dabei, Iris zu retten?“ Guter Gegenabgriff, denke ich, und sage: „Nein, ich bin da bescheidener. Ich wünsche mir nur, Iris verstehen zu können in dem, was sie da gemacht hat.“ „Genau so geht es mir auch. Also das mit der Entführung ist dabei ja noch das Einfachste: Ein hilfloses Ablenkungsmanöver. Aber was ist mit Iris wirklich los? Sie scheint mir irgendwie entgleist. Aber wodurch? Vom Elternhaus kann es nicht herkommen. Das ist sehr streng. Da gibt es keine krummen Touren. Doch woher hat Iris diese Wut? Von wem wurde sie entführt – also im übertragenen Sinne, meine ich? Wer hat sie so verletzt? Ja und da tippe ich auf Dorfhonoratioren, um ehrlich zu sein. Aber das muss wirklich unter uns bleiben, nicht wahr. Großes Ehrenwort?“ „Großes Ehrenwort!“ „Na vielleicht fing es auch in der Schule an. Glaube ich aber nicht – höchstens als zusätzliche Sache. Und Lehrerautos waren bei Iris auch nicht im Visier! Nein. So weit ich weiß: Alles Honoratiorenautos! Sehr vermint, das Gelände hier, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Ich gebe mich erstaunt: „Aber wer soll denn da in Frage kommen?“ „Entweder jemand aus dem Justizbereich – aber ich vermute eher Politik und Verwaltung, auch Polizei und Parteien. Denken Sie doch nur mal an die Kleine Anfrage der CDU. Obwohl: Das ist eher später dazugekommen, vielleicht als Trittbrettfahrerei; populistische Trittbrettfahrerei, wenn Sie mich fragen. Doch mein heißer Tipp ist die Geschäftswelt. Firmenbesitzer oder so was. Inklusive Sexabenteuern. Missbrauch eingeschlossen. In dem Bereich sind auch hauptsächlich die beschädigten Autos zu finden.“ Erstaunt sage ich: „Das haut mich jetzt aber um! In dem Bereich gibt es doch nur ein sehr begrenztes Personal, das da in Frage kommt! Also das glaube ich nicht. Hatte Iris dorthin irgend eine Verbindung?“ „Ja, zum Autohaus“, entfährt es Frau Briese; erschreckt ob dieser Aussage schlägt sie sich auf den Mund, „nein nein! Das ist reine Spinnerei von mir, ohne Grundlage. Vergessen Sie´s! Bitte! Kein Wort davon nach außen! Sonst laufe ich direkt in eine Verleumdungsklage hinein! Und in noch viel mehr! Nur noch eins: Der Chef dort ist wirklich gut aussehend, und ist nicht nur an seiner eigenen Frau interessiert. Ach was sage ich da schon wieder! Reine Kaffesatzleserei!“ Da stimme ich zu: „ Also das glaube ich von Iris´ Seite auch nicht. Das einzige, was ich mir in der Richtung vorstellen könnte, wäre Iris´ permanenter Geldbedarf. Aber Männer? Interessierten sie Männer denn überhaupt?“ Da stimmte Frau Briese zu: „ So ist es: Hinter dem Geld der Männer war sie her! Aber nun ist Schluss mit dem Spekulieren! Und Sie sehen ja: So richtig kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Ich habe jetzt zu tun, leider. Aber spannend ist das. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen auf dem Weg mitten hinein in den Sumpf.“

 

Das zündet bei mir: Die Autowerkstatt! Da wollte ich doch sowieso hin. Wegen der vielen beschädigten Autos. Wo sonst sollen die denn repariert worden sein! Und dort könnte ich gleich mein eigenes Auto nachsehen lassen: Irgendwas klappert da seit längerer Zeit. Der Auspuff?

 

In der Werkstatt wird schnell klar: Es ist der Auspuff. Wird nicht billig. Und Iris hat dort wirklich gejobbt, vor Jahren, in den Ferien. Da war sie noch Schülerin. Und Autobeschädigungen gab es damals noch keine im Ort. „Ja Iris hatte Interesse an Autos. Nein Ausbildung hatte sie keine. Sie ging aber gut zur Hand. Sehr hilfsbereit, sehr nett“, sagt Herr Schlier, der Chef, „und war auch damals schon locker drauf, leider auch unpünktlich, eigenwillig, sah ab immer ersuper aus. Damals noch ohne Tattoos, ohne Nasenringe und so was. Und konnte was am Auto, wirklich.“ „Und dann, als das mit den Lackschäden anfing, da hatten Sie doch tüchtig zu tun, oder?“ Schlier: „Na ja, so viel war es nun auch wieder nicht. Waren ja nur kleine Lackschäden. Da verdienst du nur, wenn der Umfang der Schäden etwas erweitert wird von den Kunden. Sie wissen schon.“ Ich: „Und hat sie dann noch mal gearbeitet bei Ihnen?“ „Aber nur so ganz gelegentlich. Damals den ganzen Sommer lang.

 

Und der war heiß, dieser Sommer! Alle stöhnten und hatten möglichst wenig an. Auch Iris gewährte uns allen tiefe Einblicke. Süß. Ich glaube die ersten Autoschäden Marke Iris gab es bald nach diesem Sommerjob, da hatte sie die Schule noch gar nicht verlassen. Auch bei meinen Privatautos machte sie das, direkt auf dem Autohof! Da setzte ich aber ein klares X vor. Wir kannten uns da ja schon sehr gut. Und danach ließ sie das. Und ich machte nichts davon. Keine Anzeige oder so was. Das regelten wir einfach so.“ Ich bin bedient und frage nur noch: „Wie lange wird das dauern mit meinem Auspuff? Übermorgen?“ „Rufen Sie morgen an, vielleicht klappt es schon bis dahin.“

 

Zu Fuß gehe ich wieder in den Ort. Die CDU hat tatsächlich ein Parteibüro hier. Am Marktplatz sogar. CDU-Land. Und ich habe wieder mal Dusel: Der Landtagsabgeordnete Zieler steht unvermittelt vor mir. Ordentlich, mit weißem Hemd, Krawatte und Jackett; wie im Volksvertreter-Bilderbuch. Fast zu seriös sieht er aus. „Ich komme von der Bremerhavener Zeitung. Wir sind auf Sie aufmerksam geworden wegen Ihrer interessanten Anfrage bei der Landesregierung und der Unterschriftensammlung zu den Beschädigungsfällen vor Ort.“ Da geht ein Ruck durch den Mann. Das Jackett wird extra noch mal zurechtgerückt: „Also uns von der CDU geht es primär um das Vertrauen der Bürger in die Politik. Und das war ja eine richtige Landplage hier: Zerstörungen, Beschädigungen, Brandstiftungen, Störung der öffentlichen Ordnung, und bei dieser simulierten Entführung sogar noch Verleumdung. Der Ort wurde von einer unverschämten Gruppe Jugendlicher regelrecht terrorisiert. Und eine Zeit lang sah es fast so aus, als ob die Ordnungskräfte nicht dagegen ankämen. Und da wurde uns in der Partei klar: Hier sind wir gefragt! Die Zweifel an unserem Rechtsstaat mussten zerstreut werden. Die Zivilgesellschaft musste sich zur Wehr setzen. Daher unsere Unterschriftenaktion, die dann bekanntermaßen in eine Kleine Anfrage mündete. Ja, und der Erfolg gab uns Recht: Es tat sich etwas im Ort. Die Bürger wurden mutiger, ermuntert durch unsere Aktivitäten, und kurz darauf war der Spuk auch tatsächlich zu Ende. Nehmen Sie das bitte als Beispiel dafür, was selbstbewusster und demokratischer Bürgerprotest bewirken kann!“ Wenigstens ein klein wenig möchte ich diesen ordentlichen Mann gerne verunsichern: „Inwiefern demokratisch?“ „Nun, stellen Sie sich doch mal vor: Ein kleiner Ort setzt sich spontan und gemeinsam zur Wehr und zwingt die Landesregierung zum Handeln!“ Ich frage: „Und? Was hat denn die Regierung getan?“ „Nun, äh; natürlich ist unsere Justiz unabhängig; aber der Prozess wurde danach zügig angeschoben und es wird zeitnah ein klares Urteil geben. Und diese junge Frau, die Drahtzieherin sozusagen, sitzt schon jetzt hinter Schloss und Riegel.“ „Wie. Und all das hat die Landesregierung getan?“ Jetzt ist es aus mit der Sachlichkeit; der schicke Mann sagt, lauter werdend: „Ich bitte Sie, sachlich zu bleiben und diese ernste Angelegenheit nicht ins Lächerliche ziehen zu wollen!“ Wieder mal bin ich bedient und verlasse erfolgreich belehrt das Parteibüro.

 

Brandorte, fällt mir ein – warum habe mich noch nicht um die Brandorte gekümmert? Dabei hat mir die Polizei doch tatsächlich eine aktuelle Liste der Brandstiftungsorte gegeben, sozusagen als Trostpflaster für nicht stattgefunden habende weitere Informationen. Ich klappere nach und nach die Stellen ab und bin einigermaßen erstaunt, wie wenige Spuren diese Brände hinterlassen haben. Ich gehe ganz langsam an den betroffenen Gebäuden vorbei und erkenne nichts! Nur an zwei Stellen lassen sich Brandspuren erkennen: An der Wand der Polizeidienststelle sieht es aus, als ob diese Spuren extra noch nicht beseitigt worden wären. Noch deutlicher zu erkennen am Gemeindebüro. Hier war offenbar wirklich ein größerer Brand. Bei all den Privathäusern meiner Liste kann ich nichts entdecken – auch als ich ein zweites Mal, noch stockender, vorbeigehe.

 

Nun brauche ich dringend ein Bier. In der Bäckerei ist wenig Betrieb. Abseits sitzt ein Mann mit dunklem Bart. Vor ihm ein Stapel Hefte. In eines schreibt er etwas mit rotem Stift. Der Lehrer! Ich setze mich zu ihm und setze ihm gleich mit meinen Fragen zu. Er scheint über diese Abwechslung nicht unerfreut zu sein: Ja, er sei Lehrer, ja, hier an der Schule, ja, er habe auch Iris unterrichtet. „Eine einfache Schülerin war sie wirklich nicht“, sagt er, „ aber dass sie nun einsitzt, hat sie nicht verdient.“ Das lasse ich nicht gelten: „ Warum das? Sie hat doch wirklich genügend auf dem Kerbholz!“ „Und? Ist das denn überhaupt bewiesen? Indizien, nichts als Indizien! Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist da bei den Vernehmungen kräftig gedrückt worden! Doch ich habe da ja nichts zu sagen – ich bin nur Lehrer. Niedermeier“ sagt er und streckt mir seine Hand hin. Wir machen uns bekannt, und er fährt fort: „Pfiffig war die Iris, schon als Schülerin, und intelligent. Aber faul wie die Nacht und eigenwillig. Widerspenstig. Doch wenn man sie akzeptiert hat, so wie sie ist, war alles ganz einfach.“ Ich frage nach: „Und? Haben Sie es geschafft? Haben Sie ihr Vertrauen errungen?“ „Ja, doch. Sie war immer Außenseiterin im Ort. Und da war sie froh, einen Erwachsenen zu finden, und dann sogar einen Lehrer, der sich für sie und ihre Sachen interessiert. Denn auch in der Klasse hatte sie es nicht leicht. In den Augen der meisten Schüler war sie viel zu eigensinnig, zu unangepasst, ging immer rücksichtslos mit dem Kopf durch die Wand. Kompromisse machen oder sich gar anderen unterordnen war nicht ihr Ding. Und es war auch nicht leicht, einen Sitznachbern für sie zu finden – niemand wollte das freiwillig. Und so setzte ich einen anderen Außenseiter, Benedikt, neben sie. Nicht dass sich dann Iris mit Benny anfreundete, doch Ärger gab es eigentlich nie zwischen den beiden. Nur dass Iris sich oft gar so freizügig anzog, missfiel Benny – und wenn er schlecht drauf war, nannte er sie eine Hure. Die Klasse scharte sich nur dann hinter Iris, wenn sie gegen ungerechte Entscheidungen von mir anging, also gegen ungerechte Noten oder gegen Strafen für die Klasse oder gegen Einzelne. So was traute sich sonst niemand. Und da Iris einen guten Draht zu mir hatte, konnte sie mit ihren Protesten auch einiges erreichen. Nur in solchen Momenten stand sie im Mittelpunkt – sonst nie.

 

Ja von Anfang an fiel mir ihr Gerechtigkeitssinn auf. Besonders für die Schwachen setzte sie sich ein, und für die Gemobbten. Mit den Platzhirschen wollte sie nichts zu tun haben. Doch auch für das, was im Ort schief lief, hatte sie offene Ohren und Sinne – zum Beispiel wie hart und unduldsam die Polizei zuweilen mit Jugendlichen und Kindern umging, wenn die öffentlich über die Stränge schlugen oder im Laden beim Stibitzen erwischt wurden. Dann hielt sie sich nicht – wie alle anderen – aus allem raus, sondern stritt mit den Ordnungshütern oder beschwerte sich über sie auf der Polizeiwache. Das kam bei der Obrigkeit nicht so gut an. Manchmal, wenn sie dadurch selbst in die Bredouille kam, fragte sie mich nach meiner Meinung und was ich an ihrer Stelle tun würde. Aber eines tat sie nie: Mich um konkrete Hilfe für sie bitten. Das wollte sie auf alle Fälle selbst regeln. Ja leistungsmäßig war es so, dass sie zwar nie versetzungsgefährdet gewesen wäre, aber auch nicht glänzte. Eigentlich, glaube ich, interessierte sie der Unterricht nicht.“

 

„Und als Iris dann nicht mehr bei Ihnen in der Klasse war, haben Sie dann weiterverfolgt wie es ihr erging?“ Bedauernd sagte Niedermeier: „Also direkten Kontakt hatte ich dann leider nicht mehr zu ihr. Doch was ich so gehört habe, machte sie keine Lehre, sondern jobbte hier und da, zum Beispiel im Autohaus. Und sie hatte in einer Aussteiger-Gruppe viel zu sagen – lauter junge Leute, die mit den Regeln in diesem engen Ort nicht klar kamen und sich davon irgendwie frei machen wollten. Das ging natürlich nicht ohne Ärger ab: Diebstähle zum Beispiel; auch Iris wurde dabei erwischt. Auseinandersetzungen mit der Polizei, und Strafanzeigen. Darüber wurde im Ort viel geredet, auch in der Schule. Besonders über die Autobeschädigungen – Lackschäden und so, und Kennzeichen klauen und Mercedessterne-Pflücken. Aber ich frage Sie: Welcher Mercedes hat heute noch einen Stern auf dem Kühler stehen? Überall soll da Iris federführend gewesen sein. Aber mein Auto bekam nie einen Kratzer ab.“

 

Seine Stimme geht fast ins Flüstern über: „Na einmal lief sie mir vor der Schule doch noch über den Weg, und ich fragte sie direkt, was denn an den Vorwürfen gegen sie dran wäre. Sie lachte nur bitter und ging weiter. Ich rief ihr nach das bleiben zu lassen, sie verbaue sich doch komplett ihre Zukunft. Da drehte sie sich um und rief 'Nein, da kann ich nicht zurück! Die VIPs hier haben mich so getunkt und missbraucht! Nee, da kann ich nicht mehr zurück. Widerstand, sag ich da nur! Unnachgiebiger Widerstand!' Sehr unglücklich sah sie aus, während sie ihre Empörung herausschrie. Also da habe ich sie in der Schule weit lockerer in Erinnerung. Wissen Sie: Es gibt sogar Gerüchte, Leute im Ort hätten mit ihr heimlich Sex gehabt und hätten dann dafür ihre Quittung bekommen. Aber das kann ich nicht beurteilen und habe keine Ahnung davon. Und will es auch gar nicht wissen – das ist mir alles zu heiß hier. Dafür bin ich zu gerne Lehrer.“ Erstaunt mache ich mich per Taxi und Regionalbahn auf den Heimweg. Für heute habe ich mehr als genug gehört. Das muss erst mal alles verdaut werden.

 

Ich habe einen Morgentermin beim Jugendpfleger. Der kommt schnell zur Sache, übrigens ohne zu fragen, weshalb und wofür ich überhaupt da bin: „Nur Ärger macht uns die Iris, leider. Also jetzt ja nicht mehr. Also: Machte“ lächelt er mich gequält glücklich an. Ich nicke aufmunternd. „Seit sie drin ist“, er machte mit der Hand eine Drehbewegung wie mit einem Schlüssel, „haben diese Vorgänge ja fast ganz aufgehört. Also wenn das kein Beweis ist! Die hat ja den ganzen Ort rebellisch gemacht. Selbst die Kirche.“ „Warum denn um Gottes Willen die Kirche?“ frage ich verwundert. „Ja, das Auto des Pfarrers war eines Tages auch zerkratzt. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil er sich in einer Predigt mal kritisch zu diesen Vorgängen geäußert hat? Und Kritik kam bei denen ja nicht gut an!“ „Bei denen?“, frage ich, „wer ist 'denen'?“ „Das war doch eine richtiggehend kriminelle Clique. Die waren fast alle der Reihe nach irgendwann mal von der Verwaltung zu mir geschickt worden. Und mit keinem von denen war zu reden, so verbiestert waren die. Sahen sich als Verfolgte dieser Erde, und im Kampf für die Gerechtigkeit selbst! Absurd das. Und Iris war der Kopf – sie steuerte den ganzen Laden, hielt die Fäden in der Hand. Ja, da hatte das Gericht schon den richtigen Riecher: Ohne ihren Kopf ist die Clique erledigt. Die meisten von denen waren reine Mitläufer, hatten sich da nur so hineingesteigert. Normale Jugendprobleme eben. Aber Iris war Brandsatz und Brandbeschleuniger in einem.“ Da fällt mir die Frage ein: „Und was glauben Sie geschieht, wenn diese junge Frau wieder raus ist aus dem Knast? Geht es dann wieder von vorne los?“ „Nein, dann sind alle aus der Clique schon einen Schlag älter. Und erfahrener, hoffe ich. Ein Teil von denen ist dann sicher schon weggezogen oder hat einen Job. Und auch Iris wird sich die Hörner abgestoßen haben.“ Ich hole zur entscheidenden Frage aus: „Also kein weiterer Handlungsbedarf für Sie, keine Notwendigkeit, an die Bedingungen im Ort mal heranzugehen und zu fragen, wie es zu so einer Situation kommen konnte? Und Veränderungen anzuschieben?“ „Nein wissen Sie, der Ort muss nun erst mal wieder zur Ruhe kommen. Sicher lässt sich auch mal was verändern. Zum Beispiel dass die größte Partei im Ort versucht, diese Affäre für sich auszunutzen, finde ich persönlich nicht sehr glücklich. Aber das muss selbstverständlich unter uns bleiben, ja? Verstehen wir uns? Die Verhältnisse, die sind halt so, um mit Bertolt Brecht zu reden.“ „Verstehe“, sage ich, „ und weiter? Wäre 'Mehr Demokratie wagen', um mit Willy Brandt zu reden, nicht auch mal ein möglicher Weg für Ihren Ort?“ Nun wird der Jugendpfleger ärgerlich: „Was meinen Sie denn damit? Das hier ist ein demokratisches Gemeinwesen! Oder wollen Sie das in Frage stellen? Gehen Sie da nicht zu weit?“ Ich stammle: „Ja da haben Sie natürlich Recht. Pardon.“ Und verabschiede mich schnell. Die Gesten meines Gegenübers beschleunigen meinen Entschluss.

 

Nicht dass ich mir viel erwartet hätte vom Besuch von Iris' Elter, aber dass ich mir dort eine derart harsche Abfuhr abholen würde, schockt mich dann schon: Kaum habe ich, nachdem sich die Tür einen winzigen Spalt geöffnet hat, mein Anliegen vorgetragen und den Namen Iris erwähnt, brüllt es aus dem Spalt hervor: „Hauen Sie bloß an, Sie! Und lassen Sie sich nie mehr blicken! Wenn Sie Ihre dreckige Nase nicht umgehend aus der Sache herausnehmen, kriegen Sie aber so einen übergebraten!“ Dir Tür knallt zu. Fertig.

 

Ich spüre deutlich, wie sich mein Ausflug in die Umgebung Bremerhavens seinem Ende entgegen neigt. Ich versuche noch, Zugang zu Iris in der Untersuchungshaftanstalt zu bekommen. Das ist mehr als schwierig. Doch werden mir als große Ausnahme und als Geste strafrechtlicher Großzügigkeit tatsächlich 5 Minuten Sprechzeit gewährt, allerdings unter persönlicher Anwesenheit des Wärters – wegen „drohenden Eingriffs in ein schwebendes Verfahren“. Entsprechend einsilbig ist dann Iris. Offenbar sieht sie in mir einen integralen Teil des Ermittlungsapparats. Da sind all meine Versuche vergebliche Liebesmüh. Iris sieht wechselnd den Wächter und mich mit Verachtung an. Nur zwei Sätze sagt sie. Ganz zu Anfang: „Was soll das?“ Und als sie wieder abgeführt wird, ruft sie laut: „Der Kampf geht weiter!“ Ob sie weiß, wen sie da zitiert?

 

Es wird Zeit, mich um mein Auto zu kümmern – falls ich kommodig nach Hause kommen möchte. Im Autohaus Schlier bedient mich der Chef persönlich. Will er noch etwas an mich loswerden? „Das Auto ist wieder top“, strahlt er mich an, „und - sind Sie weitergekommen mit Ihrem 'Fall Iris'?“ Aha, denke ich, die Buschtrommeln im Ort funktionieren gut, und sage: „Ja so viel war da nicht weiterzukommen. Der Fall selber ist ja geklärt, offenbar. Und ich konnte Iris sogar in der Haftanstalt besuchen. Doch Neues oder gar Überraschendes kam da nicht von ihr.“ In Schliers Gesicht steigt Erleichterung auf: „Ja die süße kleine Iris. Wie schön die früher war. Wie attraktiv! Und offen. Also ich konnte wirklich gut mit ihr. Schade dass sie dann so ausgerutscht und abgeglitscht ist. Das hätte nicht sein müssen, wirklich nicht. Sie hätte das doch locker unter der Rubrik „Pubertäts-Sünden“ abhaken können. Ich glaube alle wären bereit gewesen sie dabei zu unterstützen, mehr oder weniger. Und hätten sich auch bei ihr entschuldigt für ihr Fehlverhalten – Sie wissen schon was ich meine. Iris war halt recht locker drauf, die Kleine. Und wer wird da nicht schwach, nicht wahr?“ Ich lächle zurück. Er fährt fort: „Doch dann begann Iris mit diesem scharfen, aggressiven Kurs. Als ob sie die gesamte Männerwelt im Ort in die Luft jagen wollte. Nicht mit den Autoschädigungen; nein mit den Rufschädigungen. Und da war der Spaß vorbei. Das konnte niemand mehr locker sehen. Und ihr `Allein gegen alle´ begann – da konnte sie ja nur verlieren. Schade. Wirklich schade. Aber sicher bekommt sie noch mal eine Chance. Anderswo. Nur eben hier nicht.“ Die Rechnung ist unglaublich niedrig, die Reparatur fast geschenkt. Das ist wohl Schliers Dankeschön dafür, noch einmal davongekommen zu sein.

 

Bevor ich dem allem tschüs sage, zieht es mich noch einmal in die Bäckerei. Die drei jungen Männer sitzen wieder an ihrem Tisch. Oder immer noch? Etwas widerwillig machen sie mir Platz. „Und?“ fragt der Fetthaarige, „ war die Schnüffelei erfolgreich?“ „Nix schnüffeln“, sage ich, „und rausgekommen ist auch nichts. Obwohl ich sogar Iris kurz sprechen konnte.“ „Was?!“ schreckt die Fettfrisur auf, „ und was hat sie gesagt?“ „Nichts. Die hatte kein Interesse. Stufte mich als Schnüffler ein“, erkläre ich. Die Gesichter meiner Gegenüber werden wieder glatt. „Sag ich doch“, meint der Blonde. Ich füge hinzu: „Ich habe den Eindruck, dass der Kampf verloren ist – für die Clique und für Iris.“ Keine Reaktion. Doch so schnell gebe ich nicht auf: „Ist doch so, oder? Passiert doch nichts mehr jetzt. Alles ruhig.“ „Na und?“ sagt der Langhaarige, „was sagt das schon.“ Ich starte noch einen letzten Versuch: „Und? Wenn Iris wieder rauskommt? Was dann? Wird auch sie aufgeben? Oder fängt alles wieder von vorne an.“ Die Drei nehmen zur gleichen Zeit einen Schluck Bier. „Nie im Leben bleibt Iris hier. Die ist durch mit dem Ort. Die haut ab. Nach Berlin oder so. Wo die Musik spielt eben“, sagt der Kurzhaarige, der bisher Geschwiegen hat. „Ist vielleicht auch besser so“, fügt das Fetthaar hinzu. „Ja wahrscheinlich. Sicher“, sage ich und zahle. „Die Runde geht auf mich.“

 

 


Zwangst

Wir müssen miteinander reden

 

sagte der Minister des Innern

 

zu den „Volksverräter Volksverräter“

 

Brüllenden

 

(NZ, 25.8.2018)

 

 


mutzido

do da du

wischi wischi wu

bussi diddi mützi.

 

Goh hol!

Goh hol!

 

uscho uscho uschido

mützipützi bobobo

häschewäsche hurrido

 

su sutzt mun uine mutze uff

ODER?