Bürgerbeteiligung Innenstadt Bremerhaven

Gitarrenspieler vor Ruine


 

Da sitzt er. An seinem Platz beim Leerstand. Vor dem leergeräumten Karstadt. Mit seiner Gitarre. Ich höre ihn in dem Moment, in dem ich Morisse passiere. Ich mag seine Musik: Meist Titel von früher. Mir wird warm dabei. Er hat eine tiefe Stimme. Simon and Garfunkel. The Boxer. Ich spüre die anklagende Melodie, auch heute noch.

 

Ich gehe hin zu ihm. Ich weiß, dass er Sebastian heißt. Hart im Nehmen ist er. Spielt auch im Winter. In der Kälte. So wie jetzt. „The Boxer“ passt zu ihm. Meine Finger wären schon längst steif. Wären. Aber ich spiele keine Gitarre.

 

Manchmal singe ich mit Sebastian mit. Bei „The Boxer“ sowieso. Er braucht das Geld, die Kohle, hat er mir gesagt. Wenn mich jemand auf der Straße anmacht und einfach nur sagt, wieviel Euro er braucht, gibt es nichts von mir – der muss schon was tun dafür, sonst ist das nichts. Einfach nur stumpfes Betteln, geht gar nicht! Sebastian weiß das. Und er bietet mir so viel! Dafür kann er dann auch was erwarten. Also von mir kriegt er fast immer was. Nicht ganz so viel, das geht für mich nicht. Aber immerhin.

 

Und wenn er eine Pause macht, dann reden wir miteinander. Aber seine Arbeit geht natürlich vor. Beatles singt er oft. Meist die kritischen Sachen. Das gefällt mir. Ich mag auch wie er spielt. Mit langen Vorspielen. Wartet lange, bis er mit seiner Stimme einsetzt. Schade eigentlich. Aber so ist er.

 

Er führt mich in die Ferne. Ins Früher. Damit macht er mich wehrlos. In die Zeit, als ich selbst noch jung war, so wie Sebastian jetzt. Wie haben wir damals diese Songs geliebt, gelebt! Sind am Feuer gesessen und haben gesungen. Einer hatte immer eine Gitarre dabei. Das war das Leben!

 

Und jetzt? Jetzt zahle ich ihm dafür, dass er mit mir zurückreist. In die junge Zeit. Rührt mich zu Tränen, manchmal. Vor diesem jämmerlich ausgestorbenen Karstadt.

 

Der Wind ist kalt. Ich beginne zu frieren. Wie Sebastian das überhaupt aushält? So lange hier stehen! Stundenlang! Ich werfe meine Münze in sein Tuch. Heute macht er keine Pause. Wir nicken uns stumm zu. Er braucht die Kohle. Dringend!

 

Zögernd gehe ich weiter. Richtung Saturn – noch so eine Ruine. Soll ich ihm mehr geben? Der Wind ist absolut fies. Aber ich bin selbst knapp, im Moment. Meine Taucherbrille findet er geil. Hat er mir mal gesagt – das war noch mitten im Sommer. Irgendwie mag er mich. Ich ihn auch. Schade dass ich nie Gitarre gelernt habe. Vorm toten Karstadt stehen und singen, ohne Gitarre, das macht hier niemand.

 

Eberhard Pfleiderer